Mangelnde Maulhygiene beim Hund – ein völlig unterschätztes Problem

„Mami, Mami, er hat überhaupt nicht gebohrt!“

Dieser freudige Ausruf eines kleinen Mädchens nach einem Zahnarztbesuch ist der Beginn einer Zahnpastawerbung aus den 70er-Jahren. Wir alle haben von frühester Kindheit an gelernt, uns zweimal täglich die Zähne zu putzen. Den hübschen Schulfilm „Karius und Baktus“ aus den 50er-Jahren mussten wir alle bereits in der Grundschule anschauen. Diese beiden Bürschlein hatten den lieben langen Tag nichts weiter zu tun, als mit Hammer und Pickel Löcher in die Zähne von Kindern zu hauen und sich von deren Süßigkeiten zu ernähren. Und sie verstanden sich blendend in ihrer Zerstörungswut. (Für Nostalgiker habe ich diesen Film auf Youtube ganz unten verlinkt.) 

Zahnhygiene ist uns in Fleisch und Blut übergegangen, die Angst vor dem Zahnarzt ist weit verbreitet und weiße Zähne gehören zu unserem Schönheitsideal. Zahnschmerzen knocken uns alle aus und wir unternehmen alles, um sie zu verhindern.

Und unsere Hunde?

Ganz ehrlich, putzen Sie Ihrem Hund regelmäßig die Zähne? Höre ich eventuell ein „Hä???“ aus Ihrem sauber geputzten Mund? Aber beginnen wir von vorne und ohne den erhobenen Zeigefinger aus den 50er-Jahren.

Hunde sind wie wir Menschen Säugetiere und besitzen somit eine sehr ähnliche Anatomie. Auch das Gebiss und die Zahnbeschaffenheit sind fast gleich. Um eine gute Nachricht vorwegzunehmen: Karies ist bei Hunden selten. Nur etwa 2 % der Hunde erkranken an Karies. Das liegt vor allem an der nicht vorhandenen Ansteckungsgefahr. Hunde küssen sich nicht, lecken nicht die Schnuller ihrer Babys ab und haben kein Bedürfnis, ihren Welpen das ganze Gesicht abzuknutschen.

Zahnstein allerdings erwischt Hunde ebenso häufig wie uns Menschen. 

Aber was ist eigentlich Zahnstein?

Am Anfang war die Plaque. Plaque ist nichts anderes als Speichel, der sich auf den Zähnen niederlässt. Zahnbelag also. Dazu gesellen sich Futterreste und Bakterien. Innerhalb weniger Stunden wird diese Plaque hartnäckig und muss dringend entfernt werden. Darf sie auf den Zähnen bleiben, lädt sie Mineralien zu sich ein und der Belag härtet aus. Das Ergebnis nennt sich Zahnstein. Diese raue Oberfläche auf den Zähnen erleichtert weiteren Futterresten das Andocken und der Zahnstein wächst. Immer mehr Bakterien tummeln sich in kurzer Zeit in diesem Gestein, das kaum noch zu reinigen und von uns Hundebesitzern nicht mehr zu entfernen ist. 

Zahnstein beim Hund

Im Laufe der Tage, Wochen oder Monate erreicht der Zahnstein Regionen unterhalb des Zahnfleisches und sorgt für Entzündungen oder gar Blutungen (Gingivitis). Diese Entzündungen greifen die Kieferknochen an (Parodontitis), also den Halteapparat der Zähne. Die Knochenmasse bildet sich zurück (Parodontose), Zähne beginnen zu wackeln und fallen letztendlich aus oder müssen wegen der Schmerzen gezogen werden.

Ein weiteres Risiko bilden die Bakterien als solches. Sie gelangen unweigerlich in den Blutkreislauf und können massive Schäden an den inneren Organen wie Herz, Nieren oder Leber anrichten. Nicht selten hat ein Herzinfarkt seinen Ursprung in schlechten Zähnen.

Wie entdeckt man Zahnstein bei Hunden?

Die Antwort ist ebenso simpel wie die Frage: Anschauen. Gesunde Zähne sind strahlend weiß und das Zahnfleisch ist zart rosa. Gelbe oder braune Verfärbungen und Ablagerungen auf den Zähnen, leuchtend rotes Zahnfleisch oder gar Blutungen im Maul sind sichere Hinweise für Zahnstein, Zahnfleischentzündungen oder Parodontitis. Der Gang zum Tierarzt ist dann nicht mehr zu vermeiden.

Spurtet Ihr Hund zunächst freudig zum Napf, mag aber dann doch nichts essen? Wird er zunehmend apathisch und lustlos? Dann hat er mit ziemlicher Sicherheit bereits Zahnschmerzen. Obwohl er richtig Kohldampf hat, kann er keine Nahrung kauen. Eine fatale Situation.

Ein weiterer Anhaltspunkt ist die Entstehung von Mundgeruch. Stinkt ein Hund aus dem Maul, ist das für alle Beteiligten eine traurige Situation: Herrchen und Frauchen meiden die Nähe zu ihrem Hund, der Hund spürt das und weiß gar nicht, was jetzt plötzlich los ist. „Mögen mich meine Besitzer nicht mehr? Und warum? Was habe ich nur falsch gemacht?“

Die Hundebesitzer sind oft ratlos, obwohl der Gang zum Tierarzt in ungeklärten Situationen immer die erste Wahl der Mittel sein muss. Bevor Sie sich also überlegen, ob Ihr Hund zu viel Fisch gegessen oder einfach Blähungen hat, suchen Sie bitte Ihren Tierarzt auf. Klar, Mundgeruch kann von Entzündungen im Maul kommen, aber auch andere Ursachen in so ziemlich allen Organen haben. Eine gründliche Untersuchung ist absolut unumgänglich. Stellt Ihr Tierarzt dann tatsächlich Zahnstein oder gar weitere Schäden im Maul fest, weiß er genau, was zu tun ist.

Gibt es mehr oder weniger anfällige Hunderassen für Zahnstein?

Im Prinzip kann jeder Hund von Zahnstein betroffen sein. Die Ursachen sind bei allen Rassen dieselben. Aber es gibt ein paar Ausnahmen. Ein anatomisch natürliches Hundegebiss besitzt kleine Lücken zwischen den Zähnen. Anhaftungen von Nahrung können von Zunge und Speichel weitestgehend entfernt werden. Auch die Bewegung von Unter- und Oberkiefer gegeneinander erzeugt einen Abreibungseffekt der Zähne und somit einen gewissen Grad an Zahnreinigung.

Ein paar Hunderassen allerdings wurde die Fähigkeit zur Selbstreinigung der Zähne weg gezüchtet: Malteser, Yorkshire Terriers oder französische Bulldoggen haben durch ihre kaum noch vorhandene Schnauze keinen Platz mehr für ein gesundes Zahnwachstum. Die Zähne stehen zu eng beieinander und Zahnfehlstellungen sind die Regel. Bei diesen Hunden sollte die Zahnhygiene besondere Beachtung finden.

Kann man Zahnstein vorbeugen? – Ganz klar, ja.

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten der Vorbeugung. Alle sind gleich wichtig und ergänzen sich perfekt.

Punkt eins: Die Ernährung.

Achten Sie auf hochwertiges Futter. Nur ein gesunder Körper kann auch die Zähne adäquat versorgen. Billiges und getreidelastiges Futter erhöht die Chancen für Entzündungen aller Art. Getreide gehört in keinen Hundenapf. 

Eine Ernährung mit BARF (Biologisch artgerechte Rohfütterung) hält nicht nur Ihren Hund gänzlich gesund und fit. Das Herumkauen auf rohem Fleisch und Knochen ist die beste Zahnpflege überhaupt. Machen Sie doch mal den Test: Füttern Sie Ihren Hund mit rohem Fleisch und untersuchen Sie dann seine Zähne: Sie werden keinerlei Ablagerungen finden. Geben Sie ihm anschließend eine Handvoll getreidehaltiges Trockenfutter oder Leckerlis, werden Sie das Getreide auf den Backenzähnen finden. Ein perfekter Nährboden für Plaque und Zahnstein.

Punkt zwei: Kauartikel.

Die Futtermittelindustrie und deren Influencer überschlagen sich geradezu mit Empfehlungen für ihre Produkte. Klar, Kauartikel fördern die Produktion von Speichel und den Abrieb von Plaque auf den Zähnen. Allerdings ist Vorsicht geboten: Viele sogenannte „Dentasticks“ und ähnliche Leckerchen sind extrem getreidelastig. Sie füllen zwar die Kassen der Hersteller, haben aber mit Zahnpflege ganz und gar nichts zu tun. Oder geben Sie Ihrem Kind Butterkekse zum Zähneputzen? Eher nicht.

Getrocknete pure Fleischstücke sind sehr viel effizienter. Ob gedörrte Kamelkopfhaut, Hasenpfoten oder Schweineohren, Ihr Hund wird auf seinem Plätzchen liegen und sich mit viel Kauvergnügen genüsslich die Zähne reinigen.

Punkt drei: Zähne putzen.

Manche Barfer unter uns werden fragen, ob sich Wildhunde und Wölfe etwa die Zähne putzen. Nein, natürlich nicht. Rohes Fleisch und Knochen sind selbstverständlich die beste Prophylaxe gegen Zahnstein. Aber ob das reicht? Ich jedenfalls habe noch nie einen Wolf gefragt, ob er Zahnschmerzen hat. Ob er im Alter das bessere Gebiss hat, sei ebenfalls dahin gestellt, von der Lebenserwartung ganz abgesehen.

Also: Kommen wir zum Zähneputzen. 

Aufgrund der kurzen Zeit, die Plaque zur Zahnsteinbildung benötigt, wäre unsere menschliche Zahnpflegeroutine von zweimal täglich eigentlich auch bei unseren Hunden angebracht. Das lässt sich allerdings kaum bewerkstelligen. Dreimal pro Woche wäre bereits sehr hilfreich.

Zahnstein ist im wahrsten Sinne des Wortes in aller Munde und Produkte für die Zahnreinigung gibt es zur Genüge. Im Wesentlichen sind das Variationen folgender Techniken:

  • weiche Babyzahnbürste mit spezieller Hundezahnpasta
  • „Fingerlinge“ mit aufgesetzter Bürste oder weichem Material und ebenfalls spezieller Hundezahnpasta
  • Ultraschallzahnbürste und – wer hätte es gedacht – spezielle Hundezahnpasta

Verwenden Sie bitte NIE Zahnpasta für Menschen. Sie enthält für Hunde giftige Stoffe, Ihr Hund verträgt sie nicht und wird sie Ihnen sowieso wegen des für ihn unangenehmen Geschmacks vor die Füße spucken. Und damit können Sie das Experiment „Vertrauen beim Zähneputzen“ zunächst mal ad acta legen. Ihr Hund wird beim bloßen Anblick einer Zahnbürste Reißaus nehmen und sie haben verloren.

Im Handel finden Sie gesunde Alternativen in den Geschmacksrichtungen Huhn, Rind oder auch Wild. Sie können Ihre Hundezahnpasta auch mit Kokosöl, Natron und getrockneter Petersilie selbst herstellen.

Probieren Sie einfach mal alles durch und entscheiden Sie sich dann für die Kombination, die Ihrem Hund passt. Die wichtigsten Grundvoraussetzungen sind Zeit, Geduld und Ruhe. Ich habe ein paar Tipps für Sie, bin Ihnen aber auch gerne bei Ihnen zu Hause behilflich.

  • Lassen Sie Ihren Hund zunächst die Zahnpasta testen. In den meisten Fällen wird er sie Ihnen vom Finger schlecken.
  • Verteilen Sie etwas Zahnpasta auf Ihrem Zeigefinger, heben Sie die Lefzen und verteilen Sie die Paste auf den Zähnen Ihres Hundes. Wiederholen Sie diesen Vorgang über ein paar Tage. Loben Sie ihn ausgiebig und Ihr Hund wird kapieren, dass es völlig ungefährlich ist, wenn Sie ihm im Maul rumfummeln.
  • Ob Babyzahnbürste oder Fingerling, beginnen Sie vorsichtig, aber ohne Angst. Sie werden Ihren Hund nicht verletzen. Versuchen Sie erst gar nicht, das gesamte Gebiss zu reinigen. Zahn für Zahn ist völlig in Ordnung, auch wenn es Tage dauert. Wichtig ist die Akzeptanz Ihres Hundes. Irgendwann wird er denken „Oh, es gibt leckere Zahnpasta“ und das Zähneputzen wird zu seinem „Spiel“, einer schönen Beschäftigung mit Ihnen in seinem Hundealltag.
  • Steigern Sie im Laufe der Zeit die Anzahl der Zähne, die sie säubern. Und IMMER zwischen zwei Zähnen: Loben und streicheln.
  • Wird es Ihrem Hund zu viel, lassen Sie ihn gehen. Erzwingen Sie nichts. Zähneputzen darf keinesfalls in einem Machtkampf enden. Negative Erfahrungen manifestieren sich nicht nur im Gehirn Ihres Hundes, sondern auch in Ihrem. Synapsen sind unerbittlich und Sie können wieder von vorne anfangen.

Verwenden Sie NIEMALS metallische Instrumente. Sie könnten das Zahnfleisch empfindlich verletzten und sind dem Tierarzt vorbehalten. Sollten Sie nach einer Behandlung mit einer Ultraschallzahnbürste glauben, Sie könnten das Gestein mit dem Fingernagel abkratzen, versuchen Sie es. Aber stoppen Sie sofort, wenn das doch nicht geht.

Hat sich auf den Zähnen Ihres Hundes der Zahnstein bereits prächtig ausgebildet, bleibt nur der Weg zum Tierarzt. Eine professionelle Zahnreinigung ist fällig. Zahnstein kann nur mechanisch entfernt werden. Lösungen, Spülungen oder Spezialfutter werden ihn trotz aller Werbeversprechen nicht lösen. 

Die professionelle Zahnreinigung beim Tierarzt unterscheidet sich nur in einem Punkt von der menschlichen Prophylaxe: Der Hund muss kurz in Narkose gelegt werden. Andernfalls kann der Tierarzt nicht in Ruhe arbeiten und Ihr Tier würde panisch um sein Leben kämpfen. Sollte ein Zahn gezogen werden müssen, kann der Tierarzt das sofort erledigen.

Allerdings bedeutet jede Narkose auch ein gesundheitliches Risiko. Wollen wir lieber vorbeugen? 

Ich helfe Ihnen dabei. In aller Seelenruhe zeige ich Ihnen und Ihrem Hund entspanntes Zähneputzen. Ich begleite Sie selbst in kritischen Situationen oder wenn Sie kurz vor dem Aufgeben sind. Ich bin immer an Ihrer Seite. Versprochen.

Ihre Bettina Knobloch.

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